Meister Eckhart Unterweisungen
November 1, 2007
Von der Abgeschiedenheit und vom Innehalten Gottes
Ich ward gefragt: Manche Leute zögen sich ganz von den Menschen zurück und wären gern allein, und darin läg’ ihr Friede, und dass sie in der Kirche wären – ob das das Beste sei? Da sagte ich: Nein! Und merke dir, warum.
Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist’s an allen Stätten und bei allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, dem ist’s an allen Stätten und bei allen Leuten unrecht. Mit wem es aber recht bestellt ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich. Wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten gerade so gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle. Wenn er ihn nun recht, wenn er ihn nur immer hat, so kann ihn niemand hindern.
Warum?
Da hat er Gott allein und meint allein Gott, und alle Dinge werden ihm lauter Gott. Solch ein Mensch trägt Gott in allen seinen Werken und an allen Stätten, und dieses Menschen ganzes Tun wirkt lediglich Gott. Denn wer das Werk verursacht, dessen ist das Werk eigentlicher und wahrhafter denn dessen, der es ausführt. Meinen wir also Gott lauterlich und allein, fürwahr! So muss er unser Tun wirken, und an allen seinen Werken kann ihn niemand hindern, keine Vielheit und keine Stätte. Niemand kann also diesen Menschen hindern, denn er meint nichts und sucht nichts und schmeckt ihm nichts als Gott; der wird ja mit dem Menschen durch dessen ganze Gesinnung eins. Und so wie Gott durch keine Mannigfaltigkeit zerstreut werden kann, so kann auch diesen Menschen nichts zerstreuen noch vermannigfaltigen. Denn er ist eins in dem Einen, da alle Mannigfaltigkeit Einheit und Unvermannigfaltigkeit ist.
In allen Dingen soll der Mensch Gott ergreifen und soll sein Gemüt gewöhnen, alle Zeit Gott gegenwärtig zu haben in seinem Innern, in der Meinung und in der Minne. Gib acht darauf, wie du nach deinem Gotte trachtest. Wie du in der Küche bist oder in der Zelle – dieses selbe Gemüt behalte und trage es unter die Menge und in die Unruhe und in die fremde Welt. Und – wie ich schon öfter gesagt habe- wenn man von „Gleichheit“ spricht, so ist damit nicht gemeint, dass man alle Werke, alle Stätten oder alle Menschen für gleichwertig erachten soll. Das wäre gar unrecht; denn es ist ein besser Werk zu beten als zu spinnen, und eine edlere Stätte die Kirche, denn die Straße. Du sollst aber in deinem Tun ein gleiches Gemüt und ein gleiches Vertrauen haben und einen gleichen Ernst hegen gegen deinen Gott. Traun! Verharrst du in solcher Gleichheit; so hindert dich niemand, deinen Gott gegenwärtig zu besitzen.
Wer aber Gott nicht also in Wahrheit inne hat, sondern ihn immer von draußen her nehmen muss in diesem und jenem, und wer Gott in ungleichmässigerweise sucht, mittels eines Werkes, bei Menschen oder Orten: der hat Gott nicht. Und da kann’s leicht geschehen, dass den Menschen etwas hindert, denn er hat ja Gott nicht und sucht und minnt und meint ihn nicht allein. Und darum hindert ihn nicht nur böse Gesellschaft, ihn hindert auch die gute, und nicht nur die Straße, sondern auch die Kirche, nicht allein böse Worte und Werke, nein, sondern auch gute . Denn das Hindernis liegt in ihm – Gott ist in ihm noch nicht alle Dinge geworden. Wäre Gott ihm das , so wäre ihm an allen Orten und bei allen Leuten recht und wohl. Denn er besäße Gott; den könnte ihm niemand rauben und niemand könnte ihn in seinem Werke hindern.
Worin liegt nun dieses wahre Innehaben Gottes, dass man ihn wirklich besitze?
Dieses wahrhafte Gott-Innehaben liegt am Gemüte und an einem innigen, aufmerksamen Sich-Hinwenden und Trachten nach Gott. Nicht an einem stetigen, gleichmäßigen Drandenken; denn das wäre der Natur ein unmögliches Vorhaben und sehr schwer und wäre nicht einmal das Allerbeste. Der Mensch soll sich nicht begnügen mit einem gedachten Gott; wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch Gott. Viel mehr! Man soll haben einen wesentlichen Gott, der erhaben ist über den Gedanken des Menschen und aller Kreatur. Der Gott vergeht nicht, der Mensch kehre sich dann mit Willen von ihm ab.
Wer Gott so im Wesen inne hat, der nimmt Gott göttlich und dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott, und Gott spiegelt sich ihm aus allen Dingen – in ihm blickt Gott allezeit. In ihm ist eine abgeschieden Abkehr und ein inneres Gestalten seines geminnten, gegenwärtigen Gottes. Es ist, wie wenn es einen hitzig dürstet so in rechtem Durst: Der mag anderes tun als trinken und mag wohl auch anderer Dinge gedenken; aber was immer er tue oder bei wem er sei, in welcher Absicht, in welchen Gedanken oder welchem Geschäft – ihm vergeht doch das bild des Trankes nicht, dieweil sein Durst währt; und soviel größer Durst ist, soviel lebendiger und inwendiger, gegenwärtiger und stetiger ist das Bild des Trankes. Oder wer da heiß ein Ding liebt mit ganzer Kraft, so dass ihm nichts anderes Lust gibt und zu Herzen geht als dieses nur, und trachtet allein nach ihm und nach gar nichts weiter: wahrhaftig, wo der Mensch auch ist oder bei wem, was er auch beginne oder tue, so verlischt doch in ihm nimmer, was er so liebt, in allen Dingen findet er desselben Dinges Bild, und es ist ihm umso lebendiger da, je mehr seine Liebe stärker und stärker wird. Solch ein Mensch sucht die Ruhe nicht, denn ihn stört keine Unruhe.
Dieser Mensch ist Gott umso wohlgefälliger, als er alle Dinge göttlich nimmt und für mehr, denn sie an sich selber sind. Traun! Dazu gehört Eifer und Liebe, ein sorgsames Achtgeben auf des Menschen Inwendigkeit und eine wache, wahre, wirkliche Einsicht, auf der das Gemüt stehen kann gegenüber Dingen und Menschen. Das kann der Mensch nicht durch Fliehen lernen, indem er vor den Dingen flüchtet und sich zur Einsamkeit kehrt weg von der Außenwelt; sondern er muss eine innerliche Einsamkeit lernen, wo oder bei wem es sei. Er muss die Dinge zu durchbrechen lernen und seinen Gott darinnen greifen und ihn kräftiglich in sich gestalten können in seiner wesenhaften Weise.
Gerade so, wie wenn einer will schreiben lernen. Soll er die Kunst verstehen, so muss er sich viel und oft darin üben, wie sauer und schwer es ihm auch werde und wie unmöglich es ihm dünke. Wird er nur fleißig üben und oft, so lernt er’s und gewinnt die Kunst. Traun, zuerst muss er sich jeden Buchstaben einzeln denken und den oft und genau in sich vorbilden. Dann aber, wenn er die Kunst inne hat, so wird er völlig ledig der Vorstellung und des Drandenkens und schreibt fließend und frei, es seien Federübungen oder kühne Werke, die aus seiner Kunst erstehen sollen. Ihm genügt’s zu wissen, dass er seine Kunst ausübt. Und wenn er auch nicht immer daran denkt, er vollbringt dennoch, woran er auch denken mag, sein Werk kraft seiner Kunst.
Also soll auch der Mensch von Gottes Gegenwart durchdrungen, soll mit der Form seines geminnten Gottes durchformt und in ihm eingewest sein, dass ihm seine Gegenwärtigkeit leuchte ohne alles Bemühen, dass er die Urbilder aller Dinge erfasse und er allzumal ledig bleibe. Dazu gehört anfangs ein Drandenken und ein aufmerksames Einprägen wie beim Schüler zu seiner Kunst.
November 2, 2007 at 12:59
UNGEFÄHR die Wiedergabe:
Meister Ekkehart hat auch gesagt, dass der Mensch zweimal geboren werden müsse,
Einmal in die Welt hinein, und zum andern,
Aus der Welt hinaus und in Gott hinein.
So lange der Mensch um den Verlust der irdischen Dinge trauert und wiederum danach trachtet, so lange ist er nicht für Gott geboren.
Alles Irdische und weltliche muss sein für den Wiedergeburtschrist, als wären sie nicht um in Gott erfunden zu werden.
Hätten die agierenden Religionen, Kirchen, Tempeln und Sekten dieses ab dem Tag ihrer Gründung verstanden und danach auch praktiziert, so wären sie vom Tode zum ewigen Leben hindurch gedrungen, so aber sind sie, bis auf ein paar einzelne Apologeten,immer noch Sklaven der Sünde.
Peter Semenczuk