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Was manche Pfaffen nicht begreifen

Predigt über Joh. 15,19

Ego eglesi vos de mundo

Diese Worte, die ich auf lateinisch gesprochen habe, die liest man heute im heiligen Evangelium zum Tage eines Heiligen, der Barnabas hieß und von dem die Schrift gemeinlich sagt, dass er ein Apostel gewesen sei. Und spricht unser Herr: „Ich habe euch auserkoren, habe euch auserwählt und auserlesen aus der ganzen Welt und aus allen geschaffenen Dingen, auf das ihr viel Früchte bringet und die Frucht euch bleibe“; denn es ist gar lustlich, was da Frucht bringt und wem die Frucht bleibt. Dann aber bleibt die Frucht, wenn man wohnt in der Liebe. Sprach doch unser Herr am ende dieses Evangeliums: „Habt euch untereinander lieb, wie ich euch von Ewigkeit her liebgehabt habe! So wie mein Vater mich von Ewigkeit her geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Haltet ihr mein Gebot, so bleibt ihr in meiner Liebe.“

Alle Gebote Gottes stammen aus der Liebe und aus der Güte seiner Natur; denn kämen sie nicht aus der Liebe, so könnten sie nicht Gottes Gebot sein. Ist doch Gottes Gebot die Güte seiner Natur, und seine Natur seine Güte in seinem Gebote. Wer nun wohnt in der Liebe, der wohnt in der Güte seiner Natur, wohnt in Gottes Liebe – und Liebe hat kein Warum! Hätte ich einen Freund und liebte ich ihn darum, dass mir Gutes von ihm geschähe und aller Wille würde, so liebte ich nicht meinen Freund, sondern mich selber. Ich soll ja meinen Freund um seiner eigenen Güte willen lieben, um seiner eigenen Tugend und um alles dessentwillen, was er in sich selber ist: dann nur liebe ich meinen Freund, wenn ich ihn so liebe, wie es eben gesagt wurde. Und ebenso steht es mit dem Menschen, der da steht in Gottes Liebe, der nicht das Seine sucht, weder an Gott noch an sich selber, noch an irgendwelchen Dingen, der Gott allein um seiner Güte willen liebt, um der Güte seiner Natur und um alles dessentwillen, was er in sich selber ist. Das ist rechte Liebe!

Liebe zur Tugend ist eine Blume und eine Zierde aller Tugend, ja, eine Mutter aller Tugend, aller Vollkommenheit und aller Seligkeit. Ist sie doch Gott, weil Gott die Frucht der Tugend ist und diese Frucht dem Menschen bleibt. Wenn einem Menschen, der da arbeitete um seiner Frucht willen, die Frucht bliebe, so wäre ihm das gar lustlich. Und wäre ein Mann, der einen Weingarten hätte oder einen Acker, und überließe er den seinem Knechte, damit er ihn bestelle, ihm selber aber die Frucht verbleibe: hätte er dem Knecht auch alles, was der dazu haben muss, gegeben – es wäre ihm doch gar lustlich, dass ihm selber die Frucht zum Genuss verblieben wäre. Ebenso ist’s dem Menschen gar lustlich, der da wohnt in der Frucht der Tugend; denn er hat keinen Verdruss und keine Verwirrung, weil er sich selber gelassen hat und alle Dinge.

Nun sagt unser Herr: „Wer etwas fahren lässt um meinetwillen und um meines Namen willen, dem will ich hundertfältig wiedergeben und das ewige Leben dazu.“ Lässest du’s aber fahren um des Hundertfältigen und um des ewigen Lebens willen, so hast du nichts gelassen, ja, lässest du’s fahren um tausendfältigen Lohnes willen, so hast du nichts gelassen. Du musst dich selber lassen, ganz und gar lassen, so nur hast du recht gelassen. Es kam einmal – es ist noch nicht lange her – ein Mensch zu mir und sagte, er hätte große Dinge gelassen, Grundeigentum und Güter, um des willen, dass er seine Seele behielte. Da dachte ich: Ach, wie wenig, wie Kleines hast du gelassen! Es ist eine Blindheit und eine Torheit, wenn du noch irgendwelchen Wert darauf legst, dass du etwas gelassen hast. Nur wenn du dich selber gelassen hast, so hast du recht gelassen.

Der Mensch, der sich selber gelassen hat, der ist so lauter, dass ihn die Welt nicht leiden mag, wie ich unlängst hier sagte. Wer die Gerechtigkeit liebt, dessen bemächtigt sich die Gerechtigkeit, er wird ergriffen von der Gerechtigkeit, und er ist eins mit der Gerechtigkeit. Ich schrieb einst in mein Buch: Der gerechte Mensch dient weder Gott noch den Kreaturen, denn er ist frei; und je näher er der Gerechtigkeit ist, desto näher ist er auch der Freiheit und umso mehr ist er auch die Freiheit selber. Alles, was geschaffen ist, das ist nicht frei. Solange noch irgendetwas über mir ist, das nicht Gott selber ist, das drückt mich, wie klein auch oder wie immer es geartet sei; und wäre es auch Vernunft und Liebe: – sofern sie geschaffen und nicht Gott selber ist, bedrückt es mich, denn es ist unfrei. Der ungerechte Mensch dient der Unwahrheit, es sei ihm lieb oder leid, dient aller Welt und allen Kreaturen und ist ein Knecht der Sünde.

Ich dachte einmal – es ist noch nicht lange her – : Dass ich ein Mensch bin, das haben auch die anderen Menschen mit mir gemein, dass ich sehe und höre, esse und trinke, hat auch das Vieh mit mir gemein; aber das ich bin, das ist keinem Menschen weiter eigen, denn mir allein, keinem Menschen, keinem Engel, nicht einmal Gott, sondern nur insofern das ich eines mit ihm bin.

Alles, was Gott wirkt, das wirkt er in dem Einen, ihm selber gleichen – und doch sind die Kreaturen in ihrem Wirken gar ungleich und trachten in ihrem Tun nach dem, was ihnen selber gleicht. Die Natur wirkte in meinem Vater das Werk der Natur. Der Natur Absicht war, dass ich Vater würde, wie er Vater war. Wirkt doch jegliches Werk nur um seinesgleichen, um seines eigenen Bildes willen; das er selber das Gewirkte sei, danach trachtet alles Männliche. Wo nämlich die Natur verkehrt oder gehindert wird, so dass sie nicht zur ihren vollen Auswirkung kommen kann, da entsteht Weibliches, und wo die Natur ablässt von ihrem Werke, da hebt Gottes Wirken und Schaffen an; denn wären nicht Frauen, so wären auch keine Männer. Wenn das Kind empfangen wird in der Mutter Leibe, so hat es Bildung, Farbe und Gestalt; das ist Werk der Natur. So bleibt es vierzig Tage und vierzig Nächte; am vierzigsten Tage aber erschafft Gott die Seele – viel schneller, denn in einem Augenblick. Und jetzt muss alles weichen, was die Natur wirken kann an Farbe, Bildung und Gestalt. Das Werk der Natur geht ganz und gar heraus, aber eben in dem Maße, in dem es herausgeht, wird es alles wieder eingebracht in der vernünftigen Seele. Nun ist dies ein Werk der Natur und eine Schöpfung Gottes. In allem aber, was nur kreatürlich ist – wie ich schon öfters gesagt habe -, ist keine Wahrheit.

Es gibt etwas. Was über dem geschaffenen Seelenwesen ist, etwas, an das nichts Geschaffenes zu rühren vermag, etwas, wo nichts ist. Selbst der Engel hat es nicht, der doch einlauteres, strahlendes Wesen hat. Es ist Sippschaft göttlicher Art, ist in sich selber. Eines, es hat mit gar nichts irgendetwas gemein. Hierüber geraten manche Pfaffen ins Hinken! Es ist Eines und ist viel zu unnennbar, denn das es einen Namen haben könnte, ist viel zu unbekannt, denn das man es erkennen könnte. Könntest du dich selber vernichten auch nur für einen Augenblick, ja, ich sage, noch für kürzer denn einen Augenblick, so wäre dir alles eigen, was es in sich selber ist. Solange du noch irgendwie auf dich selber achtest oder auf ein irgendein Ding, weißt du ebenso wenig, was Gott ist, wie mein Mund weiß, was Farbe ist, und mein Auge weiß, was Geschmack ist: so wenig weißt du, und ist dir bekannt, was Gott ist.

wendeltreppe.jpgNun lässt Plato, der große Pfaffe, sich vernehmen und will reden von hohen Dingen. Er spricht von einer Lauterkeit, die nicht in der Welt ist, nicht in der Welt noch außer der Welt – von etwas, was weder in der Zeit noch in der Ewigkeit ist, was weder ein Außen noch ein Innen hat. Hier gebiert Gott, der ewige Vater, die Fülle und den Abgrund seiner ganzen Gottheit in seinem ungeborenen Sohne, auf dass auch wir derselbe Sohn seien. Und sein Gebären ist zugleich sein Innebleiben, sein Innebleiben aber zugleich sein Ausgebären: Es bleibt alles das Eine, das in sich quillt. Ego, das Wort Ich, ist niemandem eigen denn allein Gott in seiner Einheit. Vos: das Wort bedeutet soviel, als dass ihr Eines seid in der Einheit. Das heißt: Dass Wort Ego und Vos, ich und ihr, das zielt auf die Einheit. Dass auch wir eben diese Einheit sein, diese Einheit bleiben mögen, dazu helf’ uns Gott! Amen.

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